Nachhaltiges Verhalten und Selbstmanagement
Abbildung: Naturverbundenheit für ‘nachhaltiges Verhalten’ (KI-generiertes Bild durch Copilot/ppt/ © M. Semadeni)
Einführung
Der Ursprung des Begriffs ‘Nachhaltigkeit’ entstand aus der umwelt- und sozialwissenschaftlichen Forschung, wobei sich der Begriff als überspannende Betrachtung unseres Wirtschaftens und dessen (Aus)Wirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft versteht (Dreisäulen-Prinzip). Nachhaltigkeit ist zu einem Schlüsselbegriff geworden, da erkannt wurde, dass die natürlichen Ressourcen des Planeten durch anthropogene Aktivitäten stark gefährdet bzw. mit atemberaubender Geschwindigkeit verloren gehen. Anthropogene Aktivitäten, welche sich - wie bei den anthropogenen Emissionen von klimaschädlichen Gasen (Klimawandel) – auf die Umwelt und die sozialen und wirtschaftlichen Komponenten der Gesellschaft auswirken, zeigen heut schon negative Folgen und dürften in Zukunft noch vermehrt zu signifikanten, auch systemischen Belastungen der Gesellschaft und der Wirtschaft führen.
Entsprechend werden Standards entwickelt, um solchen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken (Mitigation) oder bestimmte Aktivitäten gar gesetzlich zu unterbinden. Auch wird beobachtet, dass sich Wirtschaftsentitäten vermehrt auch damit befassen ihre Strukturen und Aktivitäten den sich schnell ändernden Umweltbedingungen anzupassen (Adaptation). Dabei rücken in der Unternehmenswelt Umweltmanagement und Nachhaltigkeit zusammen.
Mittels Strategie und Management gilt es Verständnis zu fördern; Verständnis über die Funktionen der Umwelt (Ökosystemdienstleistungen), wie beispielsweise die Regeneration von natürlichen Ressourcen und Biodiversität; über das Schaffen und den Erhalt von Lebensqualität auf dem einen und einzigen Planeten, den wir bewohnen; über die dazu notwendigen essenziellen Grundlagen mit der Einsicht, dass der Mensch sich als Teil des planetaren Ökosystems verstehen lernen muss.
Ein ‘top-down Approach’ ist jedoch nur erfolgreich, sofern jeder Einzelne sein Verhalten hinterfragt und justiert. Das ist eine grosse Herausforderung, da nachhaltiges Verhalten sich nicht einfach durch Wissensvermittlung einstellt. Entscheide, sich so oder anders zu verhalten, werden vor allem aufgrund unbewusster Anteile des Individuums gefällt.
Nachhaltiges Verhalten
Nachhaltiges Verhalten berücksichtigt soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte und zielt dabei darauf ab, Handlungen und Entscheidungen für den langfristigen Erhalt natürlicher, sozialer und wirtschaftlicher Ressourcen auszurichten und zukünftigen Generationen vergleichbare oder bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen.
Diese Definition führt zur Annahme, dass die komplexen Zusammenhänge der unterschiedlichen Aspekte bewusst von jedem angegangen werden müssen. Nachhaltiges Verhalten müsste aber als die Gesamtheit der bewussten und unbewussten Handlungen und Entscheide, die zur Erhaltung der natürlichen und sozialen Ressourcen führen, verstanden werden. Das Unbewusste spielt auch hier eine wichtige Rolle, da es unsere vielen, täglichen Entscheide in Sekundenbruchteilen fällt und so das darauffolgende Verhalten bzw. Handlungen steuert.
Die Ursachen menschlichen Verhaltens, das zu Umweltverschmutzung, übermässigen Ressourcenverbrauch und Biodiversitätsverlust führt, sind umwelt- und sozialwissenschaftlich, aber auch wirtschaftlich ergründbar. Psychologische Faktoren zu ergründen, die zentral für Verhaltensänderungen sind, ist enorm herausfordernd, da sich jeder Einzelne damit selbst auseinandersetzen müsste.
Die Umweltpsychologie hatte sich schon vor Jahrzehnten im interdisziplinären Forschungsbereich der Umweltwissenschaften etabliert, um beispielsweise die Umsetzung von Umweltmassnahmen zu unterstützen. Die Wechselwirkungen zwischen ‘Mensch und Umwelt’ und deren Einfluss auf Verhalten werden heute im Rahmen der Nachhaltigkeit ergänzt, um so gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekt miteinzubeziehen, z.B. Wechselwirkungen zwischen Wirtschaftsindividuen und Gesellschaft bzw. Gemeinschaften. Was sind denn nun entsprechend unbewusste Aspekte von nachhaltigem Verhalten?
Das Unbewusste
Um unbewusste Aspekte von nachhaltigem Verhalten näher zu bringen, gilt es vorgängig Sichtweisen aus der Neurowissenschaften in Bezug zum psycho-biologischen Wohlbefinden eines Individuums zu beleuchten.
Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird unser Gehirn als selbstorganisierendes Organ bezeichnet, welches - unter anderem - als dynamischer Erfahrungsspeicher unbewusst agiert. Man kann sich wohl an einige Erfahrungen, die man im Leben selbst gemacht hat, bewusst erinnern, doch der Erfahrungsspeicher ist auch mit archaischen Erfahrungen beladen, welche erfolgreich das Überleben sicherten. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass es keine hierarchisch organisierte Hirnzentren gibt, die steuern, sondern es handelt sich um unterschiedliche Hirnbereiche, die sich untereinander vernetzen und so als dynamische Systeme ‘optimales’ Verhalten oder Handlugen auslösen. Diese Vernetzung besteht aus neuronalen Netzwerke. Dabei handelt es sich nicht nur um alte, bestehende Netze, sondern es werden z.B. beim Lernen fortwährend neue neuronale Netze ausgebildet – je nach dem, um alte zu umgehen, zu ersetzen oder zu ergänzen.
Evolutionsbiologisch gibt es jedoch ein sehr, sehr altes neuronales Netz in unserem Gehirn, das jede Situation blitzschnell, unbewusst bewertet, und zwar im Sinne von „Was habe ich davon?!“ Gewinne ich etwas zu essen, zu trinken oder gewinne ich Wohlwollen, Ansehen, Partnerschaft und Sex - oder im heutigen Schnellkontext – gewinne ich mehr Geld?
Das Unbewusste bezieht sich bei der Bewertung also auf das archaische Lebewesen und sein biologisches und/oder psycho-biologisches Wohlbefinden. Beim Menschen handelt es sich dabei um Hirnstrukturen, welche über epigenetisch kodierte alte neuronale Netze kommunizieren und die vom Urmenschen bis zu den Ahnen gemachten Erfahrungen unbewusst verwalten. Bei auftretenden Situationen werden durch sie entsprechende Verhaltensweisen ausgelöst; dazu gehören – vom Bewusstsein als gewünschte oder ungewünschte gewertet - alte Verhaltensmuster, oft auch als affektive Reaktionen auftretend. Manchmal werden sie im Nachhinein erkannt, z.B. dann, wenn eine affektive Gegenreaktion vom Gegenüber im Wechselspiel von Angriff und Verteidigung Richtung Streit eskalieren.
Das Unbewusste ordnet also Grundbedürfnisse Situationen zu und kommuniziert entsprechende Resultate der Bewertung als Gefühl(e) und/oder Bild(er). Der Entscheid sich in einer Situation auf bestimmt Weise zu verhalten, ist oft schon längst gefällt, wenn das Bewusstsein die Situation behandelt. Es kann zwar sehr wohl sein, dass ein neues, gelerntes neuronales Netz - bewusst aktiviert - das alte neuronale Netz überstimmen kann. Bei einem in diesem Sinne bewusst gefällten Entscheid - „sich bitte entsprechend anders zu verhalten“, kann sich jedoch gegen die Gewinnbewertung der alten neuronalen Netze richten und führt dadurch oft zu Unbehagen oder komischen Gefühlen, oder kann gar die Laune verderben, wenn das bewusst gesteuerte Verhalten umgesetzt werden muss. Man wird bei der Umsetzung schnell genervt und angespannt sein und daraufhin vermehrt affektive Verhaltensmuster zeigen.
Wie kann nun diese Inkohärenz zwischen Bewusst und Unbewusst geglättet werden, sodass anderes, neues Verhalten ohne Zwang - dafür mit Energie und Freude - angegangen werden kann?
Ressourcenorientiertes Selbstmanagement
Im Rahmen meiner derzeit laufenden Ausbildung am ISMZ (Institut für Selbstmanagement Zürich) im Bereich ‘ressourcenorientiertes Selbstmanagement’ lerne ich den Umgang mit einer interessanten Selbstmanagement-Methode, dem sogenannt ‘Zürcher Ressourcen Modell’ (ZRM). Im Wesentlichen geht es im ZRM darum sich seiner inneren Bedürfnisse bewusst zu werden, um sie mit gefassten Zielen motivationspsychologisch koppeln zu können. Dazu wird eine positive Einstellung oder Haltung erarbeitet und verinnerlicht, welche die Umsetzung von Zielen in Handlung wesentlich begünstigen kann.
Wie schon erwähnt, ist es zentral für Verhaltensänderungen - auch im Kontext von Mitarbeitenden, dass jeder Einzelne die Zeit findet sich selbst damit auseinandersetzen zu können. Eine Veränderung Richtung nachhaltigeres Verhalten sollte in Abstimmung mit den inneren Bedürfnissen erfolgen, um die Chance zu erhöhen erfolgreich zu sein. In der steten klassisch-wirtschaftlichen Erwartungshaltung gewinnbringend zu agieren, verbleibt keine Zeit eigenes Verhalten zu reflektieren. Wäre die gewinnbringende Erwartungshaltung jedoch mit einem Wirtschaftssystem gekoppelt, das sämtliche Externalitäten internalisiert, dürfte die erwähnte Gewinnbewertung der alten neuronalen Netze ohne Weiteres weiterhin aktiviert werden. Andernfalls – und wir befinden uns weiterhin in einem klassischen, linearen Wirtschaftssystem - gälte es beispielsweise bei Umwelt-Aspekten, das vorhandene Umweltbewusstsein in Bezug zu den erwähnten Gewinnbewertung der alten neuronalen Netze als innere Bedürfnisse zu hinterfragen bzw. mittels neu-erarbeiteter Haltungen zu umgehen oder zu ersetzen. Natürlich gälte dies auch für die unbewussten Anteile der sozialen Aspekte des nachhaltigen Verhaltens (z.B. Vorurteile, kognitive Verzerrungen, Stereotypisierung) und jener der wirtschaftlichen Aspekte (z.B. Ausprägung unbewusster Neigungen oder Vorlieben von Konsumenten*innen, Mitarbeitenden, Managern*innen und Investoren*innen, insbesondere unter unvollständigen Informationen und Zeitdruck). Solche unbewussten Anteile von Nachhaltigkeitsaspekten könnten im Rahmen eines Selbstmanagements mittels themenspezifischen ZRM-Coachings angegangen werden.
Schlusswort ‚sich bewusst werden‘
Positive Bilder sprechen die emotionalen Ebenen im Gehirn direkt an und fördern die Kommunikation zwischen bewussten und unbewussten Teilen der Persönlichkeit. Ein Bild kann unbewusste Bedürfnisse über Gefühle und Motive in Bezug zu Lebensthemen abbilden und zu einem bewussten Teil der Person werden, mit denen sich die Person nun auseinandersetzen und dies in ihr Bewusstsein integrieren kann.
Ich freue mich immer über positive Bilder der Natur und spüre dabei eine tiefe Verbundenheit mit ihr (siehe Bild am Anfang). Das gibt mir Hoffnung.
Marco Semadeni, Dr. sc. nat. ETH
22. Juli 2025