Perspektiven zu Umwelt & Nachhaltigkeit

Zirkuläre Bauwirtschaft in der Schweiz

Die Bauwirtschaft steht heute vor einer grossen Herausforderung, nämlich den Weg von der linearen Wertschöpfungskette hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft konsequent verfolgen zu können. Unsere Gebäude, Strassen und anderen Infrastrukturen sind enorme Rohstofflager – doch viel zu wenig davon fliesst bei Abbruch und Renovation wirklich zurück in den Kreislauf.

An der Fachtagung ‘zirkuläre Bauwirtschaft’ an der Berner Fachhochschule wurde eindrücklich über den aktuellen Stand von Kreislaufansätzen in der Bauwirtschaft referiert – und aufgezeigt, dass grosse Herausforderungen, aber auch Chancen, einer Transformation zu nachhaltigem, kreislauffähigem Bauen anstehen.

Gebäude- und Infrastrukturbau sind besonders ressourcenintensiv. Jährlich werden zig Millionen Tonnen Beton in diesen Strukturen gebunden. Gleichzeitig fallen jährlich mehrere Millionen Kubikmeter mineralische Rückbaumaterialien an – Tendenz steigend. Bei Asphalt und Gips wurden beispielsweise Kreislaufdefizite aufgezeigt. Obwohl grosse Mengen Asphalt aus dem Strassenbau zurückgewonnen werden, landen sie oft auf einer Deponie, da spezielle Behandlungsanlagen fehlen. Gips wird seit Jahrzehnten importiert. Gipsabfälle bleiben in der Schweiz und landen oft in Kehrichtverbrennungsanlagen oder Deponien. Eine Wiederverwertung im Zementbeton wäre möglich, erfordert jedoch eine aufwendige Aufbereitung.

Die Kreislauffähigkeit von Baumaterialien und entsprechender Bauabfälle wird jedoch durch die Problematik der PFAS-Schadstoffe erschwert. Diese Stoffe wurden seit den 1970er Jahren vermehrt im Bau eingesetzt, z.B. in Dichtungsanstrichen, Beschichtungen oder Spritzbeton. Sie sind extrem langlebig und könnten zu Qualitätsproblemen beim Rezyklat führen. Ohne klare Vorgaben könnte aus einer Art «PFAS-Angst» wieder ein vermehrtes Deponieren von Rückbaumaterialien folgen – genau das Gegenteil dessen, was angestrebt wird. Das wäre problematisch auch deswegen, weil PFAS-Schadstoffe aus deponierten Bauabfällen leicht ausgewaschen werden und somit zur diffusen Verbreitung von diesen Schadstoffen in Gewässern beitragen. Die Herausforderungen zunehmender Materialflüsse, begrenzter Deponiekapazitäten und komplexer Schadstoffvorkommen (PFAS, PCB, Asbest) in Baumaterialien und Mischabbruch sollten - aus Sicht möglichst geschlossene Kreisläufe erreichen zu können - umgehend angegangen werden.

Um die Kreislauffähigkeit von Baumaterialien zu verbessern wurden beispielsweise den Miteinbezug von Zirkularität beim Planen und das ’Design for Diassembly’ erwähnt, aber auch die Anwendung digitaler Werkzeuge wie BIM oder produktbezogene Datensysteme (digitaler Produktepass DPP), ökologische Bewertungssysteme wie Lebenszyklusanalysen (LCA), sowie erweiterte Qualitätskriterien bei Ausschreibungen, welche statt reine Kostenbetrachtungen klarere Rahmenbedingungen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft entlang bestehender Wertschöpfungsketten ermöglichen sollen. Im Weiteren wurde erklärt, wie Kreislaufwirtschaft strategisch verankert werden kann.

Positive Beispiele wurden für Metall- und Stahlrecycling aufgezeigt. Metalle und Stahl können ohne Qualitätsverlust rezykliert werden, sodass ein ‘Downcycling’ minimiert werden kann und geschlossene Kreisläufe einfacher möglich sind. Durch Dynamiken zwischen Nachfrage, Recyclingraten und Kosten (bzw. tiefen Preisen von Primärmaterial durch externalisierte Kosten) bleibt die Abhängigkeit von importiertem Stahl jedoch weiterhin bestehen und damit entsprechend dessen sehr hohen Anteil an ‘Grauer Energie’ und ökologischen Belastungspunkten.

Mittels Nutzung von Schrott, Metall- und Stahlrecycling sollten Metallkreisläufe innerhalb der Schweiz möglichst geschlossen gehalten werden. Metalle und Stahl gelten als wertvolle Rohstoffe. Dessen Recycling ist viel energie- und CO2-effizienter als beispielsweise Primär-Stahl und -Aluminium. Um alle Metalle aus dem Rückbau sauber zurückführen zu können, ist eine sauber geplante Rückbaulogistik notwendig, und das Rezyklieren müsste als Teil der Wertschöpfung eingepflegt werden. Dazu braucht es die richtigen Rahmenbedingungen und Incentives (z.B. über markbasierte Umweltinstrumente).

Auch Bauunternehmen fungieren als Pioniere und Treiber der Kreislaufwirtschaft. Es wurde aufgezeigt, wie zirkuläres Denken in der Praxis funktioniert. Mittels Lebenszyklusanalysen konnte beispielsweise gezeigt werden, dass nur 10 % der CO2-Emissionen durch die Baumaschinen entstehen, wo hingegen über 80 % auf die Baumaterialien entfallen. Das ist ein klarer Hinweis, wo die Kreislaufwirtschaft ansetzen sollte; - nämlich bei neuen zirkulären Baustoffen, entsprechenden Rückbaustrategien und Netzwerk- bzw. Austauschplattformen auch für die Wiederverwendung von Bauteilen. Dabei sei eine verlässliche Messbarkeit von Indikatoren wie CO2-Emissionen, Ressourcenverbrauch und Zirkularität grundlegend, wie das Beispiel des Produkts ‘Zirkulit-Beton’ mit minimalem Fussabdruck zeigte. Entsprechend sei es möglich eine Zertifizierung zirkulärer Baulösungen zu erstellen.

Als weiteres Beispiel wurde die erstaunliche Innovationskraft der Beton- und Asphaltindustrie aufgezeigt. Ein Zement- und Betonhersteller präsentierte dabei beeindruckende Reduktionspfade, welche durch den Einsatz von alternativen Brennstoffen, Sekundärrohstoffe und CO₂-Senken mittels Karbonatisierung Einsparungen von bis zu 50 % CO₂-Emissionen in der Produktion ermöglicht. Ein Bauunternehmen konnte über die letzten Jahre eine innovative Asphaltherstellung mit biobasiertem Bitumen als Bindemittel aus Cashew-Schalen-Extrakt entwickeln. Der ‘Bio-Asphalt’ konnte kürzlich grossen Pilotprojekten auf Hauptstrassen zugeführt werden. Dabei war nach 12-monatiger Nutzung kein erkennbarer Unterschied zu herkömmlichem Asphalt zu erkennen. Auch in der angewandten Forschung werden biobasierter Baumaterialien erforscht mit dem Ziel eine Reduktion von fossilen Ressourcen zu erreichen, wie das Beispiel ‘Bio-Bitumen’ mit dem biobasierten Bindemittel «Green Binder» aus Lignin zeigte. Fossile Bindemittel können so für die Herstellung von Asphalt ersetzt werden.

Um die Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft in der Baubranche zu schaffen sind klare gesetzliche Rahmenbedingungen und Incentives notwendig, aber auch genügende Aufarbeitungs- und Behandlungskapazitäten sowie ein Beschaffungswesen mit Vergabekriterien, die Ökologie und Zirkularität miteinbeziehen.

Gelingt es der Schweiz ihre gebundenen Rohstoffe in geschlossen Kreisläufen zu führen, kann sie grosse Mengen an CO2-Emissionen einsparen, ihre Abhängigkeit von fossilen Ressourcen reduzieren und als globales Vorbild aufzeigen, wie sich eine ressourcenintensive Baubranche in Richtung ‘nachhaltiges Bauen’ entwickeln kann.


Marco Semadeni, Dr. Sc. nat. ETH

14.03.2026

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