Perspektiven zu Umwelt und Nachhaltigkeit
Schweizer Wirtschaft und Ressourcenschonung
Abbildung: Infografik «Naturkapital und Kreislaufwirtschaft», mit Hilfe Copilot/ppt erstellt/ © M. Semadeni
Einführung
Kann die Art wie wir wirtschaften so weitergehen? Das Buch von Ulrike Herrmann ‘Das Ende des Kapitalismus’ finde ich ein empfehlenswertes Buch, das aufzeigt, woher das heutige, lineare Wirtschaftssystem kam und wie es sich zu einer riesigen Wachstumsmaschinerie entwickelte und dabei Wohlstand generierte. Der damalige Kapitalismus, der sich mit der Industrialisierung so richtig zu entfalten begann, hatte also seine Vorteile bzw. guten, wünschbaren Seiten.
Die für das Wachstum notwendige Nutzung natürlicher Ressourcen konnte unbedacht ausgedehnt werden, da kritisches Denken in Bezug zu Umweltverschmutzung bzw. Umweltschutz kaum vorhanden waren. Eine Sensibilisierung fehlte, da die Belastungen versteckt vor sich her schlummerten bzw. sich schrittweise akkumulierten und letztlich dann Verträglichkeitsgrenzen durchbrachen.
Schon bald nach der Industrialisierung stiegen erste Sorgen im Umgang mit Abfall und Umweltbelastung auf, insbesondere in Bezug zu Gewässern. Ein simples ‘Ent-sorgen’ von Abfall, z.B. durch Verklappung in Fliessgewässer und ‘weg damit über die Grenze’, wurde durch ein Abfallmanagement im Sinne von Abfallsammlung und -deponierung ersetzt. Auch die Belastungen durch das Abwasser von Industrie und Haushalten wurde mittels Kanalisation und von Abwasserkläranlagen mit unglaublichem Einsatzwillen im ganzen Land eingeführt.
Doch durch Wachstum entstand immer mehr Abwasser und Abfall. Die Abfalldeponierung wurde durch eine Verknappung von Deponieraum immer mehr eingeschränkt. Auch wurde ihre direkte Umweltbelastung durch Versickerung von Giftstoffen in Gewässer und Grundwasser erkannt. Neu hielt die Abfallverbrennung Einzug und wurde mit Hochdruck im ganzen Land aufgebaut.
Damals waren Fragen zu fossilen Energieträgern, CO2 - Emissionen und Klimawandel kein Thema, jedoch wurde schon bald erkannt, dass, neben der Gewässerverschmutzung, nun auch die Luftverschmutzung durch Haushalt, Verkehr, Landwirtschaft, industrielle Produktion und Abfallverbrennung ein echtes Gesundheitsproblem für Mensch und Natur darstellte.
Wachstum um jeden Preis
Je besser sich das Wachstum entwickelte, desto stärker wurde der Druck auf die Nutzung natürlicher Ressourcen, wobei der Ressourcenverbrauch für die Herstellung von immer kurzlebigeren Konsumgütern zu immer mehr Abfall führte. Die so entstandene Wegwerfgesellschaft war der Meinung, dass technische Innovationen das Abfallproblem schon in den Griff bekommen würden. Diese Meinung ist auch heute noch weit verbreitet.
Interessant zu erkennen ist, dass Kapitalismus und das dafür notwendige Wachstum, es erst ermöglichten enorme Investitionen in den Aufbau von Infrastruktur für die Bewältigung der Abfallberge und Umweltbelastungen zu tätigen. Ursache und Bewältigung dürften sich also auch heute noch als Spirale in neue Höhen winden – Stichwort ‘Klimawandel’. Was geschieht, wenn Wachstum einfach nicht mehr möglich ist, da Ressourcennutzung und Aufnahme von Abfall und Emissionen in der Umwelt klar begrenzt sind – Stichwort ‘planetare Grenzen’ und ‘Regeneration’.
Investitionen brauchen Kredite, deren Zinsbegleichung und Rückzahlung (Finanzierungskosten) nur gelingen, wenn durch die Investitionen Rendite geschaffen werden kann; Renditen, welche die Finanzierungskosten wesentlich übertreffen müssen. Die Rendite kann jedoch nur über Wirtschaftswachstum generiert werden – also mehr und mehr Umsatz durch Skalierung und entsprechender Nutzung zusätzlicher Ressourcen, was im linearen Wirtschaftssystem wiederum zu mehr Umweltbelastung und Abfall führt.
Warum ist das so? Unglücklicherweise funktioniert unser lineares Wirtschaftssystem auf einer verzerrten Wertschöpfungskette, da diese durch Externalisierung von Umwelt- und Gesellschaftskosten ihren wahren Wert bzw. den möglichen makroökonomischen Verlust verschleiert. Das führt dazu, dass Güter, welche möglichst billig produziert werden können, d.h. dabei möglichst viele Kosten externalisiert werden können, über einfache Skalierung den Markt überschwemmen. Güter, die mit möglichst geringen negativen Umweltauswirkungen sowie möglichst geringen negativen Auswirkungen auf Mitarbeitende und Gesellschaft produziert werden, sind schwieriger zu skalieren und bedienen den Markt als teure Nischenprodukte.
Das Konsumverhalten wiederum fokussiert auf einen möglichst günstigsten Preis, obwohl das Bewusstsein des Konsumenten durchaus über bestimmte Auswirkungen des Produkts auf Umwelt, Gesellschaft und gar auf sich selbst weiss. Der schnelle Entscheid etwas möglichst günstig zu ergattern, wird durch alte, automatische Verhaltensmuster ausgelöst. Entscheide sich so zu verhalten werden aufgrund unbewusster Anteile des Individuums gefällt. Evolutionsbiologisch gibt es dabei ein sehr, sehr altes neuronales Netz in unserem Gehirn, das jede Situation blitzschnell, unbewusst bewertet; und zwar im Sinne von: „Was habe ich davon?!“. Gewinne ich etwas zu essen, zu trinken oder gewinne ich Wohlwollen, Ansehen, Partnerschaft und Sex - oder im heutigen subsituierten Schnellkontext: „Gewinne ich Geld.“ (weiters dazu in ‚Nachhaltiges Verhalten und Selbstmanagement‘ und ‚Entscheide für die Nachhaltigkeit‘).
Alternatives Wachstum
Zurück zum obligaten Wachstum - um all die Kredite bedienen zu können, ohne diese das lineare Wirtschaftssystem nicht funktionieren würde. Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten ein zunehmendes soziales und ökologisches Bewusstsein entwickelt hat und das lineare Wirtschaftssystem über gesetzliche Rahmen wesentlich verbessert wurde, ist Wachstum weiterhin das essenzielle Element, um Geldfluss und Rentabilität für das Wirtschaften zu ermöglichen und so den Wohlstand zu sichern.
‘Grünes Wachstum’ soll dazu führen, dass immer mehr externe Kosten internalisiert werden, wobei Unternehmen als zentrale wirtschaftliche Elemente der Wertschöpfungskette aus Compliance-Gründen strenge Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards in ihre Geschäftsprozesse einführen und ihre sozialen und ökologischen Leistungen über die Nachhaltigkeitsberichterstattung bewerten lassen. Der Preis für Güter dürfte damit Richtung ‘wahre Preise’ steigen und alternativen Produkten und Verfahren (Stichwort ‘Eco-Design’) Möglichkeiten eröffnen. Dazu braucht es weitere Anreizsysteme (Stichwort 'marktbasierte Umweltinstrumente'). Doch auch ein umweltbewusstes, lineares Wirtschaftssystem wird nur über Wachstum mittels Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen funktionieren, da auch dieses System auf erwähnte Finanzierungsmechanismen angewiesen ist.
Damit stellt sich die Frage, ob Kreislaufwirtschaft als alternatives Wirtschaftssystem nachhaltiges Wirtschaften erreichen kann. Zentral dabei ist die Ressourcenschonung um unabhängiger von der Bereitstellung natürlichen Ressourcen zu werden, wobei Wachstum als ‘qualitatives Wachstum’ zu verstehen wäre, d.h. mit Einbezug des Wachstums (bzw. Wiederherstellung) des Naturkapitals.
Die Mechanismen der Kreislaufwirtschaft können Werte schaffen, indem Abfall als sekundäre Ressource betrachtet wird. Um eine Anpassung des Geschäftsmodels in Anlehnung einer Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen, müssten einerseits die Lieferketten detailliert bzw. daten-basiert verstanden werden können. Andererseits wären Produktion und Konsum den Aspekten des Kreislaufs anzupassen, z.B. bei Produktedesign und Abfallvermeidung (weiters dazu in ‘Nachhaltigkeitsbewertung’ und ‚Lieferketten und Nachhaltigkeit‘).
Bei Produktebewertungen gibt es dazu unterschiedliche Ansätze. Wird beispielsweise die Entstehung von Abfall und dessen Entsorgung in Bezug auf den Lebenszyklus eines Produktes ‘von der Wiege bis zum Grab’ (cradle-to-grave perspective) bewertet, wird jeder Teilschritt der Wertschöpfungskette bis zur Entsorgung mit dem zu bewertenden Endprodukt assoziiert. Würde bei jeder Vergütung der Teilschritte die effektiven Kosten von Umweltauswirkungen, beispielsweise jene des dabei generierten Abfalls, eingerechnet (Internalisierung externer Kosten), würden die Preise der Produkte stark ansteigen. Jene Produkte mit den geringsten Auswirkungen hätten den grössten marktwirtschaftlichen Vorteil. Der ‘wahre’ Wert eines umweltschonenden Produkts würde sich dementsprechend im günstigen Preis widerspiegeln; also gerade umgekehrt, als dass was man oft im Handel feststellt (mehr dazu in 'Von Nachhaltigkeit zu Kreislaufwirtschaft'). Die Abfallvermeidung wäre demnach die naheliegendste Reaktion des Wirtschaftens darauf. Im Weiteren würden Tätigkeiten wie Reparieren, anderweitig Wiederverwenden und Rezyklieren stark gefördert.
Kreislaufwirtschaft als regionale Lösung
Eine Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft könnte auch regional gefördert werden, insbesondere wenn die Zulassung von Produkten bzw. deren Import zusätzlich von ihrer Kreislauffähigkeit (Zirkularität) abhängig wäre. Im Weiteren könnte ein partizipativer Anteil (Geschäftsmodell) an der Kreislaufwirtschaft (Indikator ‘Zirkularität’) als steuerliche Entlastung geltend gemacht werden, was Anreize für Unternehmen mit Sitz in der Schweiz schaffen würde. Möglichkeiten einer Transformation zu mehr Kreislaufwirtschaft mit Reduktion des primären Ressourcenverbrauch zeigt heute schon die Schweizer Bauwirtschaft mit verschieden Beispielen auf (vgl. ‘Zirkuläre Bauwirtschaft’). Weitere Transformationsanreize können über ‘marktbasierte Umweltinstrumente’ geschaffen werden, indem ein kontrollierter Zertifikatehandel (mit ‘Marktreserven’) eingeführt wird, z.B. mit Recycling- und Rohstoffzertifikate, Emissions- und Abfallzertifikate sowie Naturkapital- und Biodiversitätszertifikate. Im Gegensatz zur linearen Wirtschaft kann die Kreislaufwirtschaft mit sinkendem Primär-Ressourcenverbrauch und dem Wiederherstellen natürlicher Ressourcen (über Zertifikatehandel) neues qualitatives Wachstumspotenzial ermöglichen.
Investitionen mittels Kredite müssen Rendite abwerfen, sodass Kapitalkosten und Rückzahlung auf Basis von zusätzlichem Wachstum garantiert werden können. Basiert der Kredit jedoch auf monetarisiertem Naturkapital, können die Verpflichtungen auch über angepasste Geschäftsmodelle, welche die Zirkularität bis hin zur Wiederherstellung von Naturkapital fördern, mindestens teilweise beglichen werden. Durch Rückzahlung des Restkredits fliesst Geld ins Naturkapital, da für eine erneute Kreditvergabe Rohstoff-, Abfall- und Biodiversitätszertifikate vom Kreditgeber erworben werden müssen. Die Nationalbank ist entsprechend nicht nur da, um Geld zu drucken oder abzuschöpfen, sondern muss neu das Naturkapital des Landes monetarisieren (Währungsbasis) und deren begrenzte Nutzbarkeit mittels marktbasierten Umweltinstrumenten (Ausgabe von Zertifikaten) koppeln, sodass die Nutzung natürlicher Ressourcen im Einklang mit der Wiederherstellung derselben ist. Wachstum würde nicht mehr nur auf dem Rückzahlungszwang von Krediten forciert, sondern neu auch mit Rückzahlungszwang von Naturkapitalkrediten qualitatives Wachstum fördern.
Gesellschaftskritisches Schlusswort
Das Buch von Ulrike Herrmann ‘Das Ende des Kapitalismus’ weckt auf, doch wie steht es um unser tägliches Verhalten. Wo und wie gehen wir getrieben vom eigenen Belohnungs- und Bestrafungszentrum durch unser Leben. Wie bei Tieren führt extrinsisches Belohnen und Bestrafen zu konditioniertem Verhalten. Eine extrinsische Belohnung ist nicht nur ein Goodie, wie eine Glace oder Schokolade, eine Pizza oder ein Burger, ein schönes Kleidungsstück und schöne Schuhe, ein extravaganter Stuhl oder Wandschmuck, ein Schmuckstück aus Gold, eine Rolex, ein Goldbarren, ein Ferrari und eine Villa, nein es geht insbesondere um manipulativ-aufgelegte Informationen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Inwiefern manipulative Informationen in Richtung Belohnung und Gewinnstreben oder eher Richtung Bestrafung und Verlustangst wirken, sei dahingestellt (wobei letzteres aus psychologischer Sicht zusätzlich Wirkung entfaltet). Es geht generell um immer mehr manipulativ-ambivalente Informationen, welche Unsicherheit in der Gesellschaft erhöhen (Desinformation, Fakenews), polarisierend wirken und damit volatiles Verhalten fördern. Mit volatilem Verhalten meine ich erratisches Verhalten, das beispielsweise durch Frustration, Gefühlsverdrängung und Verlustängste zu Wut und Aggression führt – wie wir gerade in Frankreich verfolgen können. Letztlich fördern sich damit Fundamentalismus und Radikalisierung.
Marco Semadeni, Dr.sc.nat. ETH
20.10.2026